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13.08.2014  |  Kommentar zum 25jährigen Triathlonjubiläum

Wir haben uns auseinandergelebt, der Triathlon und ich
[von Bernd Hegemann]
Früher war alles anders. Ich erinnere mich noch an die Anfänge meines Triathlondaseins. Es war im Sommer 1988, als Chris zu mir sagte, dass er demnächst einen Triathlon machen wolle. So ganz hab ich ihn nicht ernst genommen, aber die Idee ließ mich nicht los. Und da ich bei dem Thema nicht hintenanstehen wollte, fing ich an, mir im Winter im Hallenbad von Neu Wulmstorf autodidaktisch schwimmen beizubringen. Das klappte ganz leidlich, so dass ich mich exakt heute vor 25 Jahren zum ersten mal traute, in Schieder ins Freibad zu springen, 400 Meter zu schwimmen, um danach 28 Kilometer zu radeln und 6,3 Kilometer zu laufen.

Die Distanzen und die Benennung derselben waren damals noch nicht normiert. Ich hatte den Eindruck, jeder schnitzt sich die Strecken so zusammen, wie es ihm in den Kram passte. Es gab noch keine olympischen Distanzen, die hießen damals Kurzdistanz und die Sprintdistanz lief noch unter Jedermann- oder Volkstriathlon. Eine Langdistanz wurde auch gerne und der Einfachheit halber "Ultra" genannt, womit man heute nicht mehr durchkommen würde. Irgendwie war es früher nicht nur anders, sondern auch einfacher ;-)

Apropos Langdistanz: meine erste und einzige Langdistanz kam schon ein Jahr später, also in 1990 dran. Ich traute mir keine 180 Kilometer Radfahren zu, daher wählte ich kurzerhand das kleinere Übel, trainierte mich im Schwimmen hoch, so dass ich 5 Kilometer am Stück lebend überstehen konnte. Die 130 Kilometer um den Bodensee waren hart, aber weitere 50 Kilometer wären echt nicht gegangen. Auch die abschließenden 30 Laufkilometer waren hart für mich, aber trotzdem immer noch 12 Kilometer kürzer als ein Marathon. Auf Neudeutsch würde man die Distanzen heute näherungsweise "Triple Olympic" nennen.

Ich bin froh, dass ich diesen Triathlon mitgemacht und dort meine Liebe für die Bodenseeregion entdeckt habe. 1991 war ich noch einmal dort, als Staffel mit Chris, bei der er schwamm und lief und ich den Radpart übernommen hatte. Danach starb der Bodenseetriathlon still und leise an den Folgen von Bürokratismus und die Szene war um eine tolle Veranstaltung ärmer. Zu der Zeit gab es noch nicht die Vielfalt an Events, die es heute gab.

Technisch war das ganze eine coole Zeit, insbesondere auf dem Radsektor. Waren Mitte der 80er immer dünner werdende Stahlrahmen das Mittel zum Zweck des Gewichteinsparens, so kamen Anfang der 90er aufgeblähte Oversize-Alurahmen in Mode, ich kann mich gut an die Monster von Cannondale erinnern. Fast zeitgleich musste auch jeder, der etwas auf sich hielt, von 28 auf 26 Zoll umstellen. Ich hab den Scheiss nicht mitgemacht und weiterhin auf 28 Zoll gesetzt. Mit einem leichten Schmunzeln muss ich heute feststellen, dass 26 Zoll als veraltert gilt und alle wieder 28 Zoll fahren.

Ungefähr in dem Zeitraum kamen auch erste Carbonmodelle auf den Markt. Klobig-flächige Dinger, die eher an Raumschiff Enterprise erinnerten. Vom Preis her waren sie auch ähnlich teuer, wie ein Raumschiff. Außerdem hatte ich den Einruck, dass mit der "Technisierung" in der Triathlon-Szene die Anzahl an arroganten Selbstdarstellern exponentiell in die Höhe schieß. Trotzdem blieb ich dem Sport treu, da ich in der Regel immer einen großen Bogen um solche Typen machte.

Nachdem die Selbstdarsteller die Szene erobert hatten, begann Triathlon langsam aber stetig massentauglich zu werden. Kräftig dazu beigetragen hat sicherlich die Verankerung als olympische Sportart, sowie die von Stephan Vuckovic gewonnene Silbermedaille. Wie Pilze sprossen immer mehr Veranstaltungen aus dem Boden, da immer mehr Leute entdeckten, wie toll es ist, einen absolvierten Triathlon im Lebenslauf vorweisen zu können.

Mich schrecken Massenveranstaltungen ab. Was nicht heißen soll, dass ich sie grundsätzlich meide. Drei mal war ich bei der weltgrößten Triathlon-Veranstaltung in Hamburg am Start, bei der an zwei Tagen etwa 10.000 Triathleten durch die Stadt geschleust werden. Ja, es ist beeindruckend, aber auch abschreckend. Insbesondere die Startgelder sind ein Schlag ins Gesicht. In diesem Jahr ging die olmpische Distanz für sage und schreibe 95 Euro weg, wenn man sich nicht rechtzeitig, sprich bis zum 9. Januar entschieden hatte, 10 Euro Frühbucherrabatt in Anspruch zu nehmen. Peanuts würde jetzt ein eingefleischter Ironman sagen, dessen Startplatz in der Regel ein Vielfaches kostet. Selbst der relativ kleine Ostseeman in Glücksburg als Langdistanz ohne prestigeträchtiges Ironman-Label verlangt für schnellentschlossene bereits 260 Euro.

Daher genieße ich es, bei kleinen Veranstaltungen wie z.B. dem Poggensee-Triathlon an den Start zu gehen. Ein kleines Startgeld zu einem äußerst fairen Preis in einem familiären Umfeld lassen mein Herz höher schlagen. Ähnlich war es dieses Jahr in Waren an der Müritz. Auch hier gab es ein kleines Starterfeld und eine Veranstaltung, die vom Müritzsportclub Waren mit Herzblut präsentiert wird.

Ich selbst wollte in diesem Jahr die 10 Jahre alte Rechnung begleichen, die ich mit dieser Veranstaltung noch offen hatte. Bei der Vorbereitung auf diesen Wettkampf ist mir das ganze, was ich oben beschrieben habe, immer stärker bewusst geworden. Insbesondere dass die Distanz zwischen dem Triathlon und mir größer geworden ist und ich mich nicht mehr mit dem identifizieren kann und will, was den Triathlon mittlerweile ausmacht. Ich trage mich mit dem Gedanken, dem ganzen Zirkus den Rücken zu kehren.

Ganz leicht fällt es mir nach 25 Jahren nicht, einfach zu sagen, dass damit jetzt Schluss ist. Im Moment empfinde ich es so, kann aber nicht sagen, ob es nicht doch den einen oder anderen Rückfall geben wird. Mehr Spaß als das Schwimmen mit anschließend zugeschwollener Nase oder dem Radfahren mit Schmerzen an verschiedensten Stellen bringt mir aktuell das Laufen. Dort fühle ich mich wohl und finde die Freude, die mir in den letzten Jahren bei den anderen beiden Disziplinen abhanden gekommen ist. Mal schauen, was die Zukunft bringt...
 
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